Zwischen Elevator-Pitch und Breakfast Appointment – wie die Grenzen zwischen Job und Freizeit immer mehr verschwimmen

Zwischen Elevator-Pitch und Breakfast Appointment – wie die Grenzen zwischen Job und Freizeit immer mehr verschwimmen
Carsten Meyer-Mumm

Die heutige Zeit ist schnell und verträgt keine Pausen – kennen Sie dieses Gefühl? Egal in welcher Position man arbeitet, die Klage über Druck und Stress kmmt fast in jedem Gespräch über den Beruf auf. Der Druck schneller zu arbeiten als in der Vergangenheit. Der Druck mehr Profit für die Firma zu erwirtschaften. Und durch die technologischen Möglichkeiten auch der Druck permanent erreichbar zu sein.

Am Anfang fand ich es noch spannend, ein neues Handy, ein weiteres Meeting, eine gewisse Anerkennung, die damit einhergeht. Aber irgendwann legte sich der Reiz des Neuen und ich fragte mich, wo mein ICH in diesem Karussell noch übriggeblieben ist. Wenn das letzte, woran man vor dem Einschlafen denkt, die Firma und seine Arbeit ist und gleichzeitig das Erste am Morgen – spätestens dann hat man die Linien zwischen Work-Life doch verschwimmen lassen, oder?

Im Auto schon den ersten Call, im Fahrstuhl zufällig den Kollegen getroffen und zwischen dem Erdgeschoss und dem fünften Stock einen Elevator Pitch daraus gemacht. „Gutes Meeting“ hört man es im Treppenhaus schallen, wenn beide auseinandergehen. Keine Zeit, die Themen zu sondieren und in Ruhe zu überdenken – dafür sind es einfach zu viele! Wenn Frühstücks- oder Mittagspause nur eine andere Bezeichnung für ein Meeting mit Essenseinnahme ist, dann wird spätestens dann klar, dass hier das ICH keine Rolle mehr spielt.

Macht das glücklich – vielleicht eine Zeit. Aber nach einigen Jahren, in denen ich die leise Stimme meines ICHs, persönliche Interessen und Bedürfnisse, Aktivitäten die einfach mal nur Spaß machen, hinten an gestellt habe wurde mir bewusst, dass dies Raubbau an mir selber und meinem eigenen ICH ist.

Wann haben Sie während der Autofahrt zuletzt im Radio einfach Musik gehört ohne die Gedanken gezielt auf ein Thema zu lenken, wann haben Sie zuletzt das Firmenhandy am Tag zwischen 8 und 20 Uhr bewusst mal eine Stunde stumm geschaltet und weggelegt? Ich musste mich bewusst dazu überwinden, aber habe wieder angefangen, auch einfach mal zwischendurch nur zu „sein“ und zu genießen. Und nein, die Welt geht davon nicht unter, im Gegenteil. Es ist einfach ein Stück Selbstdisziplin, und ein Stück Verantwortung gegenüber mir selbst und meiner Familie, die ich wahrnehme. Eben nicht im Burnout zu landen. Meinen Kindern ein ausgewogenes Vorbild zu sein. Letztendlich auch mehr Energie und Freude für das zu haben, was ich tue.

Wollen Sie zur Elevator-Pitch-Elite ohne ein eigenes ICH gehören? Ich höre in Zukunft lieber wieder öfter Radio.

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